EnergeÔ, GEOTHERMIE-SCHWEIZ

Die Lehren aus Vinzel

09.04.2026

Daniel Clément ist der Direktor der eingestellten Anlage in Vinzel. Im Interview erklärt er, was die Erkenntnisse aus dem abgebrochenen Projekt sind und warum er trotzdem optimistisch in die Zukunft der Geothermie schaut.

Daniel Clément, Geschäftsführer, ENERGEÔ

«Von den Erfahrungen könnte eine Bohrung in der Region Nyon profitieren.»

Was bedeutet die Stilllegung des Bohrlochs in Vinzel für die Geothermie ?

Es ist wichtig zu betonen,  dass die Stilllegung endgültig und nicht nur vorübergehend ist. Nach einer Kontrolle des Bohrlochs wird dieses daher gemäss den geltenden Standards zugeschüttet, sodass die Quelle nicht mehr zugänglich sein wird. Die Bohrplatz wird wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Dies geschieht in zwei Phasen: In einer ersten Phase wird der nicht asphaltierte Teil des Grundstücks wiederhergestellt.  Diese Arbeiten haben am Montag, dem 30. März 2026, begonnen und dauern drei Wochen. Die Rückbauarbeiten werden anschliessend fortgesetzt und voraussichtlich im Laufe des nächsten Jahres abgeschlossen sein.

Generell betrachtet hat Vinzel zahlreiche Erkenntnisse geliefert, von denen andere Projekte in der Region profitieren können. Die jüngsten Ankündigungen des Kantons Waadt, insbesondere der Aufruf zur Einreichung von Projekten für eine finanzielle Unterstützung bei Explorationsbohrungen, schaffen günstige Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung der mitteltiefen Geothermie an den anderen geeigneten Standorten. Dank der Ergebnisse der geophysikalischen 3D-Prospektionskampagnen und der Entwicklung des Unternehmens ThermorésÔ Nyon gilt der Raum Nyon als erster Standort, der von den Erfahrungen aus Vinzel profitieren kann.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse für die Branche aus diesem Projekt?
Nach dem Erfolg der Bohrung in Satigny, hat EnergeÔ ein weiteres Mal bestätigt, dass der Jura tatsächlich ein riesiger Wasserspeicher ist und die Ressource in grosser Menge vorhanden ist. Zudem wurde bewiesen, dass solche Projekte funktionieren und ohne seismische Aktivitäten realisiert werden können. Für zukünftige Projekte wurden wertvolle Daten, Know-how und Kompetenzen gewonnen.

Das Projekt hat auch deutlich gemacht, wie wichtig es ist, den Dialog mit den Wärmeabnehmern (Oberflächenaspekte) sowie den kantonalen und eidgenössischen Behörden auf operativer Ebene aufrechtzuerhalten. Im Laufe des Projekts fanden Gespräche mit der Politik statt, die zur «Lex Vinzel» (Artikel 34a Absatz 1b des CO₂-Gesetzes) und dem vom Kanton Waadt am 13. März 2026 angekündigten neuen Budget von fünf Millionen für Geothermieprojekte führten.

Ist Vinzel ein Beispiel dafür, wie wichtig eine systematische Förderung der (direkten oder indirekten) Geothermie durch den Bund ist? 

Hier muss ich differenzieren. Unsere derzeitigen Investoren sind durch diese ersten Ereignisse verunsichert und haben die Risikobereitschaft etwas verloren, unabhängig von den rechtlichen Begriffen „direkt“ oder „indirekt“. Obwohl nachgewiesen wurde, dass unser Untergrund reich an geothermischen Ressourcen ist, bestehen nach wie vor grosse Ungewissheiten – das ist eine Tatsache. Zudem sind die Anfangskosten solcher Projekte im Verhältnis zu den Betriebskosten erhebliche. Aus all diesen Gründen muss die Geothermie vorerst weiterhin von institutioneller finanzieller Unterstützung profitieren. Sollte dies nicht mehr der Fall sein, fällt es mir schwer, einen positiven Ausblick zu erkennen. Man könnte dann von einer Verschwendung sprechen, vor allem angesichts der bisherigen Anstrengungen, sowohl in personeller als auch in finanzieller Hinsicht. Zum Schluss möchte ich auf Artikel 89 unserer Verfassung verweisen, welcher sehr klar ist: «Im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten setzen sich Bund und Kantone für eine ausreichende, diversifizierte, sichere, wirtschaftlich optimale und umweltverträgliche Energieversorgung sowie für einen sparsamen und rationellen Energieverbrauch ein.»

«Die Schweiz hat kein Erdöl, aber Ideen!» Heute füge ich hinzu: «und warmes Wasser unter unseren Füssen, das genutzt werden kann!».»

Am Schluss übernahm die Wärmeversorgung ein Datacenter. Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach die Energieplanung auf kantonaler oder kommunaler Ebene für die Geothermie, auch in Bezug auf die Koexistenz mit anderen Ressourcen?

Alle Energieressourcen sind wichtig für unsere Zukunft, und man sollte sie grundsätzlich nicht gegeneinander ausspielen. Es ist jedoch wichtig zu überlegen, für welchen Zeithorizont wir planen müssen. Aktuell gibt ein Rechenzentrum kostenlos Wärme mit einer Temperatur von etwa 30 °C ab. Wie werden sich die technologischen Entwicklungen in diesem Bereich gestalten? Werden sie wirklich ins All verlagert, wie es einige Technologieunternehmer erwägen? In unserem konkreten Fall hätte die Ressource, wäre sie wärmer gewesen, das Rechenzentrum ergänzen können, um eine regionale Versorgung ins Auge zu fassen, da das Energievolumen den Bedarf von Gland und Nyon hätte decken können.

Für die Energieversorgung einer Region und angesichts der erforderlichen Investitionen ist eine Planung unumgänglich. Sie hängt jedoch von den zugrunde gelegten Annahmen und dem gewählten Zeithorizont ab. Darüber hinaus müssen wir bedenken, dass sich die Planung entsprechend der Realität vor Ort weiterentwickelt. Wir müssen daher flexibel sein und uns bewusst sein, dass die Umsetzung von Geothermie-Lösungen viel Zeit in Anspruch nimmt.

Welche Botschaften möchten Sie der Branche und der Bevölkerung vermitteln, auch im Hinblick auf die geopolitische Lage und die Bedeutung der Geothermie für die Zukunft?

Das Wichtigste ist, zu betonen, dass die mitteltiefe Geothermie eine Lösung für die Energiezukunft unseres Landes darstellt. Wir müssen in energetischer Hinsicht unabhängig sein, sowohl was die Stromerzeugung als auch die Wärmeerzeugung betrifft. Die Geothermie ist eine Lösung, die heute noch in der Erkundungsphase steckt. Nun gilt es, sie kurzfristig in eine industrielle Phase zu überführen. Wir müssen also jetzt handeln. Während meiner Schulzeit in den 70er- und 80er-Jahren hörte ich oft: «Die Schweiz hat kein Erdöl, aber Ideen!» Heute füge ich hinzu: «und warmes Wasser unter unseren Füssen, das genutzt werden kann!»

Zum Projekt

Das Projekt „EnergeÔ Vinzel“ hatte zum Ziel, die vorhandenen geothermischen Ressourcen zu nutzen. Nach einer ersten Bohrung im Dogger und einer anschliessenden Ablenkung des Bohrlochs in den Malm konnte das Projekt im Mai 2023 feststellen, dass die Ressource zwar vorhanden war und eine aussergewöhnliche Durchflussrate aufwies, die Temperatur jedoch für eine direkte Wärmenutzung – ohne Wärmepumpe – und eine Verwertung in einem Standard-Fernwärmesystem unzureichend war. Aus ökonomischen Überlegungen musste das Projekt im März 2026 aufgegeben werden

Mehr Infos zum Projekt finden Sie auf der Seite von EnergÔ oder im Artikel von 24 heures: Abandonnée à Vinzel, la géothermie pourrait faire son trou non loin de là 

Um weitere Einblicke in die laufende Tiefengeothermie in der Schweiz von Projektträgern zu erhalten, notieren Sie sich den 24. Juni. Geothermie-Schweiz organisiert im Rahmen des Programms eine Tagung zur Tiefengeothermie. 

Mehr Informationen finden Sie hier.

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